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Praline

"Vivus!", ich gebe mir Mühe klagend und leidend zu klingen. "Vivus!", meine Stimme verliert zum Ende hin ihre Kraft wie ein abgewürgter Dieselmotor. Ich klinge wohl überzeugend genug.
Mit voreingenommenem, fremdem Blick und aggressiver, erwartender Haltung, steht sein Körper in vollem Volumen an meinem Bett.
"Was ist denn?!", fragt sein Mund. "Du lächerlicher Jammerlappen", sagt der Rest seines Gesichts.
Er nickt wütend und zeigt mir seine beiden Handrücken als würde ihn von zwei Seiten etwas blenden.
"Ich hab' so einen furchtbaren Druck im Brustkorb, es zieht, sticht und strahlt in alle Richtungen.
Es schiebt mir nach oben den Hals zu, als würde etwas in mir überkochen und nach unten tropft es bleischwer, faustgroß in meinen Bauch." - "Mein kleiner Junge wird erwachsen.", sagt er und haut mir grinsend auf die Schulter.
"Dass du deinen Spaß damit hast, anderer Leute Missstände ins Lächerliche zu ziehen, wundert mich nicht, aber ich habe reale Schmerzen also kannst du mir helfen? Wenn's mir wieder besser geht irgendwann, lache ich dann auch vielleicht."
"Warte hier.", sagt er und dreht sich kichernd um, "ich weiß was da hilft." und geht aus der Tür.
"Reale Schmerzen... reale Welt", hallt es leise durch den Flur.

Ob Vivus wohl jemals schläft, eine Pause macht oder den Tag reflektiert und bedauert etwas getan oder gesagt zu haben? Das würde ihn bestimmt zerstören. Nein, das kann nicht sein. Wer so ist, ist so, ohne Pause.
Wenn es Herzens gute Menschen gibt, dann auch Monster ohne Moral.
"Augen zu, ich komme.", ruft Vivus im Flur.
"Warum das denn jetzt? Komm Vivus ma.." - "Mach schon, sonst komm ich nicht rein.., hast du?", Ich schließe die Augen mit einem Seufzen, "Ja.. und jetzt?" - "Mund auf", sagt er nur einen Augenblick später, leise aber bestimmt ganz nah bei mir.
Ich spüre seine erdrückende Wärme direkt vor meinem Gesicht. Es riecht nach altem Zigarettenrauch.
"Mach auf jetzt und lass die Augen zu. Vertrau mir doch wenigstens."
Dir! Du Idiot! Gerade dir nicht! Was für eine unglaublich ignorante, selbstverleumdende Aussage! Ich öffne trotz alledem den Mund und mit einer Bestimmtheit und Überzeugung hab' ich sofort den ganzen Mund voll.
Voller Schokolade.
Sofort setzt der Schmelz ein. Die erste bitterherbe Welle zieht mir bis tief in die Wangen, während meine Zunge in einem warmen, süßen Orangen Schlammbad mariniert wird. Ich schiebe den Block am Gaumen entlang nach links und knacke ihn mit Druck vom Unterkiefer auf. Ein scharfer Schuss Mandellikör blättert Teile des Schlamms von meiner Zunge und es vermischt sich mehr zu einem Gefühl als einem Geschmack.
Ich sitze in mir. Kuschle mich in den labbrigen Umschlag meiner Haut, decke meinen Kopf mit Haaren zu und öffne die Augen zum ersten Mal seit Wochen wieder bewusst.
"Du hättest die doch niemals gegessen", sagt er "alleine und von dir aus erst Recht nicht."
Es war eine der Pralinen meiner Oma. Und er lag richtig.
Darauf wäre ich nicht gekommen.
Der Druck ließ nach.
"Hast du noch eine?"
"Nein, die nächste gibt's erst nächste Woche."
Er geht. Die Tür fällt zu, das Licht geht aus.
Ich habe keinen Speichel mehr im Mund, kein Blut in den Adern, kein Hirn mehr im Kopf.
Ich bin vollständig pampig, schleimig, süß.
Eingepackt in meine Decke, wie Pralinen in Folie und warte in meiner dunklen Ecke nur darauf, dass ich nochmal Licht und Wärme spüre, bevor ich eins mit etwas Anderem, Fremden werde, dass ich nur durch die Auflösung meiner selbst erfahren werde.
27.10.15 12:26
 


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